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Vögel - Magazin für Vogelbeobachtung
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Rebhuhn hat kaum Chancen in moderner Agrarlandschaft
28.02.2019

In Bayern sorgte vor wenigen Tagen das Volksbegehren Artenvielfalt für Furore. Fast 20 Prozent der Wahlberechtigten fordern darin die Bayerische Staatsregierung auf, wirksame Gesetze zum Artenschutz zu erlassen. Hintergrund ist der dramatische Rückgang vieler Insekten- und Vogelarten in den letzten Jahrzehnten.

Noch bis in die 1970er-Jahre bevölkerten Millionen von Rebhühnern weite Teile Mitteleuropas mit Ausnahme größerer Waldgebiete und Gebirge. In den vergangenen 40 Jahren ist dieser Hühnervogel aus vielen Gegenden ganz verschwunden, in anderen sind die Populationen auf einen Bruchteil der einstigen Größe geschrumpft. Er steht damit – wie der Vogel des Jahres 2019, die Feldlerche - sinnbildlich für viele weitere Vogelarten, die auf Äckern und Wiesen ihren Lebensraum haben.

Wer kann sich schon an den knarrenden Ruf eines Rebhahns erinnern? Solche Momente sind selten geworden in den zurückliegenden Jahrzehnten. Das Rebhuhn, seit der mittelalterlichen Landnahme und Kultivierung durch den Menschen ein typischer und in großen Populationen jene Agrarlandschaft bevölkernder Hühnervogel, ist aus vielen Regionen so gut wie ganz verschwunden. In anderen Regionen erreicht jedes Jahr gerade noch ein so kleiner Rest der Herbstpopulation den nächsten Frühling, um dann erneut für Nachwuchs in der Feldflur zu sorgen. Für Nachwuchs, der hoffentlich groß genug ist, um die Art in der Region zu halten.

Historisch gesehen ist die ackerbauliche Tätigkeit des Menschen Segen und Fluch zugleich für diese schöne Hühnervogelart. Denn das Rebhuhn ist ein ausgesprochener Offenlandbewohner und gilt im Allgemeinen als Kulturfolger, schließlich breitete sich die Art ja mit der ackerbaulichen Erschließung Mitteleuropas aus. Entsprechend setzt sich auch die Nahrung zusammen: Sämereien von Wildkräutern, Getreidekörner, Wildkräuter. Nur in den ersten Lebenswochen steht noch tierische Nahrung wie Spinnen, Insekten oder Larven auf dem Speiseplan. Adulte Rebhühner nehmen nur noch zu etwa zehn Prozent tierische Nahrung auf. Zur mechanischen Zerkleinerung und dem Aufschließen der Nahrung nehmen die Tiere auch kleinste Steinchen wie etwa Quarzkörner mit auf.

Mit seinem rotbraun gefleckten Gefieder ist das Rebhuhn sehr gut dem Farbspiel der umgebenden Agrarlandschaft angepasst. Dieser Tarneffekt ist überlebenswichtig, denn Fressfeinde hat das Rebhuhn genug: Greifvögel, Rotfuchs, Dachs, Iltis, Wiesel und Marder – und über die Gelege und Jungtiere freuen sich Krähen und Elster.

Die angeborene Verteidigungsstrategie gegen die natürlichen Feinde zeigt zwischen Tag und Nacht Unterschiede. Der Wissenschaftler Jörg E. Tillmann vom Institut für Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat mit Hilfe des Einsatzes von Wärmebildtechnik herausgefunden, dass sich die Rebhühner nachts oft von jenen Flächen fernhalten, die sie tagsüber zum Schutz aufsuchen: Gebüsche und Feldränder mit hoher Vegetation. Das ist nachvollziehbar, finden sie doch hier tagsüber vor ihren tagaktiven Fressfeinden, den Greifvögeln Schutz.

Die nächtlichen Fressfeinde sind aber gerade dort besonders aktiv, wo die Rebhühner tagsüber Schutz suchen, etwa an den genannten Randstreifen. Die sucht beispielsweise der Fuchs systematisch ab. Das Rebhuhn meidet deshalb diese Bereiche nachts. Während besonders dunkler Nächte entfernen sich die Rebhühner der Studie zufolge besonders weit von diesen Stellen und suchen sich einen Platz auf dem offenen Feld, um einen großen Abstand zu den bevorzugten Jagdbereichen ihrer Feinde herzustellen.



In kalten Nächten rücken die Rebhühner eines Familienverbandes eng zusammen, um so das Auskühlen so gering wie möglich zu halten. Bevorzugt ruhen sie allerdings in Kleingruppen von zwei bis drei Tieren, vermutlich um Feinde schneller erkennen zu können. Darauf deuten Studienergebnisse hin, die bei anderen Arten gewonnen wurden und die zeigen, dass Gruppen potenzielle Feinde schneller erkennen als Einzeltiere.

Wenn sie zur Flucht gezwungen werden, fliehen die Rebhühner eines Verbandes in der Regel synchron. Sie fliegen dabei meist aus der Ruheposition direkt auf. Am Tag fliehen Rebhühner vor ihren Feinden eher durch Weglaufen unter Ausnützung ihres Tarnkleides. Die hohe Reproduktionsrate und die Feindvermeidungsstrategien gegenüber den natürlichen Feinden reichten über Jahrhunderte aus, um einen hohen Bestand zu sichern. Auch konnten nasse und verregnete Sommer oder fast arktische Winter keine nachhaltigen Bestandsrückgänge bewirken. Bestandschwankungen ja, Bedrohung der Art nein. Die menschliche Agrarlandschaft war ein Segen für das Rebhuhn – in Mitteleuropa etwa bis in die frühen 1970er-Jahre.

Dann begann die Ackerflur zum Fluch zu werden – genauer gesagt war es nicht die Ackerflur selbst sondern die Art der Bewirtschaftung. Die änderte sich gewaltig, das Rebhuhn hatte und hat keine Chance, sich hier mit seinem Verhalten anzupassen.

Rebhühner sind reine Bodenbrüter. Die 10 bis 15 Küken, die im Frühjahr über einen Zeitraum von ein bis zwei Tagen schlüpfen, sind Nestflüchter. Sie können nach dem Trockenwerden sofort den Elterntieren folgen. Im ersten Lebensjahr ist die natürliche Sterblichkeit sehr hoch. Einjährige Vögel in Freiheit haben eine Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren. Fast zwei Drittel sterben vor dem Vollenden des ersten Lebensjahres, nur etwa 30 Prozent der Vögel werden zwei Jahre alt. Mit dieser Reproduktionsrate konnte sich die Art bis in die besagten 1970er-Jahre hinein sehr gut behaupten.

Die seither beobachteten teilweise drastischen Einbrüche bei den Populationen hat das Rebhuhn mit anderen für die Ackerfluren typischen Vogelarten wie etwa der Feldlerche gemeinsam. Zurückzuführen ist das auf die Einengung der Fruchtfolgen auf wenige Feldfruchtarten, die Zunahme der Herbsteinsaat von Wintergetreide auf Kosten des Anbaus von Sommergetreide, den Einsatz effektiver Pflanzenschutzmittel, durch den für die Ernährung wichtige Wildkräuter und die davon abhängigen Insektenarten weitgehend ausfallen. Nicht zu vergessen sind die Auswirkungen der stark vergrößerten Schläge und der Einsatz von Bodenbearbeitungsgeräten bei der Saatbettbearbeitung, die Bodenbrütern extrem schaden.

Damit wird auch klar, warum die Versuche von Wiederansiedlung oder dem Aussetzen von Rebhühnern in der Regel scheitern. Solange die ausgesetzten Tiere keine geeigneten Lebensraumbedingungen vorfinden, werden sie nicht lange überleben, geschweige denn sich fortpflanzen oder gar vermehren können.

Das wichtigste Augenmerk muss deshalb der Aufwertung des Lebensraumes gelten, wobei punktuelle Verbesserungen in der Regel nicht ausreichen. Das ist unter Fachleuten zwar bekannt, wurde und wird aber oft genug nicht ausreichend beachtet. Die ökologisch für die Ackervogelarten intakten Flächen müssen sich wie ein gut geknüpftes Netz über größere Regionen erstrecken. Erst wenn diese Voraussetzungen stimmen, können auch Aussetzungsprojekte greifen.

Wie die dann ausgehen können, wurde unter anderem in einem Projekt der Universität Bern untersucht. Dabei zeigte sich: Die besten Überlebenschancen im ökologisch aufgewerteten Freiland haben junge Zuchtküken, die den erfolglos brütenden Wildtier-Paaren untergeschmuggelt wurden. Das leuchtet ein, lernen die Jungen doch von ihren wilden Adoptiveltern die Nahrungssuche und das Verhalten zur Feind- und Gefahrvermeidung. Anderswo eingefangene und im für sie fremden Gebiet ausgesetzte wildlebende Rebhühner zeigten schlechtere Überlebenschancen, sind sie doch mit den Gefahren des neuen Lebensraumes nicht vertraut. Noch schlechter sind die Überlebenschancen von in Gefangenschaft gezüchteten und aufgezogenen Rebhühnern. Die Tiere aus Volierenhaltung haben eben nie gelernt, sich in freier Wildbahn sicher zu bewegen und sich vor möglichen Feinden zu verstecken. Hinzu kommt, dass sich das Verdauungssystem von in Obhut des Menschen aufgezogenen Rebhühnern nur unzureichend ausbildet und die natürlichen Nahrungsbestandteile nach dem Aussetzen nur sehr begrenzt nutzen kann.

Für den Erfolg von Wiederansiedlungsprojekten ist neben dem Überleben einer ausreichenden Anzahl von Individuen auch der Bruterfolg dieser Individuen wichtig. Mindestens die Hälfte der Brutpaare muss den Untersuchungen zufolge Nachwuchs aufziehen.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Für den Bruterfolg ist nicht nur die Existenz ökologisch aufgewerteter Gebiete sondern auch deren Größe entscheidend.

Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, wird der knarrende Ruf des Rebhahnes wieder häufiger zu hören sein können. Bleibt die spannende Frage, was sich der bayerische Gesetzgeber jetzt nach dem so erfolgreichen Volksbegehren einfallen lässt, um die Habitatsituation zu verbessern.

(Bild: NABU, Rolfes)

 
 
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